Abgeschrieben von Terz 2.12.2012
Urteil gegen Mörder von Pham Duy Doan
Am 18. Januar 2012 verurteilte das Landgericht Düsseldorf zwei Angeklagte, die in der Nacht auf den 27. März 2011 in Neuss den 59-jährigen Pham Duy Doan ermordet hatten.

Sowohl die Täter als auch das Opfer waren im März 2011 regelmäßige Nutzer der „Hin und Herberge“, einer „Übernachtungseinrichtung für Männer“ in Neuss. Pham Duy Doan, der in den siebziger Jahren zur Aufnahme eines Studiums aus Vietnam nach Deutschland gekommen war und dort auch eine Familie gegründet hatte, später aber physisch und psychisch erkrankte und zuletzt alkoholabhängig „auf der Straße“ lebte, galt unter den Bewohnern der Unterkunft als Sonderling und Einzelgänger und war zudem sehr unbeliebt, nicht zuletzt, weil er mehrfach dabei erwischt worden war, als er Leergut von Mitbewohnern an sich nahm. Mit dem Sammeln von Pfandflaschen besserte Pham Duy Doan auch seine karge Grundversorgung auf. Unter den Bewohnern galt er als vermögend, da er mehrfach beim Zählen von Geldscheinen gesehen worden war. Am Abend des 26. März kassierte er ein temporäres Hausverbot in der Herberge und richtete sich deshalb einen Schlafplatz auf einem nahen Gelände ein. Hier fanden ihn dann die beiden Täter zufällig vor, nachdem sich einer von ihnen, der stark alkoholisierte 37-jährige Sven Krätke, ebenfalls ein Hausverbot eingehandelt und der nur leicht angetrunkene 18-jährige Dennis Echtmann ihn begleitet hatte, um noch „weiterzufeiern“. Schon Stunden zuvor hatte Echtmann Pham Duy Doan gezwungen, ihm sämtliche Geldscheine (190,- Euro), die dieser mit sich führte, auszuhändigen, um dann seine teilweise in Spirituosen umgesetzte Beute mit anderen Bewohnern in der Unterkunft zu vertrinken, wobei allen Beteiligten klar war, woher das Geld stammte: „Der Vietnamese hat einen ausgegeben.“ Immer wieder hatte Echtmann in den Wochen zuvor sein Opfer gedemütigt, geschlagen und beraubt. In seinem Menschenbild stand die „Peking-Ente“ (O-Ton aus den Polizeivernehmungen) ganz unten, Pham Duy Doan war ihm nahezu schutzlos ausgeliefert. So auch in der Tatnacht. Auf Initiative des offenbar völlig empathielosen Echtmann schlugen und traten die beiden ihr Opfer zusammen, raubten dem Schwerverletzten die nach dem vorherigen Diebstahl verbliebenen wenigen Euro Münzgeld sowie Zigarillos und eine Mütze, ließen dann von ihm ab, um ihn anschließend nach einer Unterbrechung und erneut auf Initiative von Echtmann hin bestialisch zu töten und ihm anschließend beim Sterben zuzusehen. Echtmann war während der Unterbrechung klar geworden, dass Gefahr bestand, dass Pham Duy Doan ihn anzeigen könnte.

Wie stark Rassismus als Tatmotiv eine Rolle spielte oder sogar Hauptmotiv war, blieb beim Prozess nebulös und wurde nur am Rande erörtert. „Der 18-Jährige räumte ein, Kontakte zur Hooligan- und Neonazi-Szene zu haben. Auf der Brust hat er nach eigenen Angaben zwei Hakenkreuze tätowiert. Auf Nachfragen von Richter Werner Arendes sagte er, Ausländer seien für ihn ‚Kanacken‘“, berichtete die Neuss-Grevenbroicher Zeitung. Laut Staatsanwaltschaft habe sich Echtmann „das Tattoo erst nach der Tat stechen lassen“ und „in der Haft rechtsextremen Gefangenen angeschlossen“, berichtete der WDR. Echtmann, dem von Gutachtern eine „dissoziale Persönlichkeitsstörung“ attestiert wurde, kassierte eine neuneinhalbjährige Jugendstrafe wegen Mordes und anderer Delikte, der als „Mitläufer“ eingestufte Krätke muss u.a. wegen Totschlags neun Jahre in Haft.

Angespuckt, getreten, ermordet
Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu

92 Obdachlose wurden im Jahr 2010 allein in NRW Opfer von Straftaten, so die offizielle Statistik, vor allem in den Großstädten Köln, Bochum, Aachen und Düsseldorf. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist allerdings enorm. In aller Regel gehen Obdachlose überhaupt nicht zur Polizei, sie gelten nicht als glaubwürdig und sind oft durch Straßenordnungen, die Betteln, Lagern oder Alkoholgenuss verbieten, eher Adressaten von Repression, als dass sie auf den Schutz der Ordnungskräfte hoffen dürften.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. recherchierte von 1989 bis 2010 insgesamt 167 Tötungsdelikte und 366 Körperverletzungen mit schweren Folgen. Dabei handelt es sich nur um Gewalttaten, bei denen die Täter außerhalb des „Wohnungslosenmilieus“ leben.

Die Gewalttaten sind nicht verwunderlich, denn zentrale Ergebnisse der Langzeituntersuchung „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, die ein Autorenteam um den Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer Mitte Januar vorgestellt hat, belegen eine stärker werdende Stigmatisierung von Erwerblosen und Menschen mit Behinderungen. Über 52 Prozent meinen etwa, die meisten Hartz-IV-Bezieher_innen drückten sich vor der Arbeitssuche, 35 Prozent halten es für angebracht, bettelnde Obdachlose aus den Fußgängerzonen zu entfernen.

Der hier zu Tage getretene Sozialdarwinismus hat in Deutschland seine bisher grausamste Form während des Faschismus gezeigt: Obdachlose wurden als so genannte Asoziale in KZs gesperrt, zwangssterilisiert oder ermordet. In der heutigen neonazistischen Praxis spiegelt sich dieser menschenverachtende Zynismus wider.
Am 4.2. findet in Velbert um 14 Uhr ab Willy-Brandt-Platz eine Demonstration zum Gedenken an den, am 05.02.1995 von sieben Neonazis ermordeten Obdachlosen Horst Pulter statt. Wir rufen zur Teilnahme auf!

INITIATIVE K