„Wo ward ihr in Rostock?“
schrien Antifas nach dem Pogrom in Rostock 1992 der Polizei entgegen.
Selbst der Polizei hatten wir nicht zugetraut, dass Sie tatenlos zusieht, wie ein bürgerlicher und faschistischer Mob ein Haus mit vietnamesischen VertragsarbeiterInnen anzündet. Die Erlebnisse rund um Rostock haben uns geprägt, wir wollten nicht Zuschauer bei der rassistischen Hatz auf Flüchtlinge sein.

Dieser Teil der Webseite soll nicht nur an die Opfer erinnern, sondern auch Menschen eine Stimme geben, die aktiv am Antinazikampf der 90er Jahre beteiligt waren. Persönlich wollen wir berichten. Wir sind keine Historiker oder keine Gelehrten, die hinter dicken Büchern die Gesellschaft analysieren. Deswegen sind unsere Erinnerungen subjektiv und emotional. Schließlich konnten und können wir diese Zeit nicht vergessen – sie hat uns geprägt und ist heute immer wieder Ansporn, antifaschistische Gruppen in ihrer notwendigen Arbeit aktiv zu unterstützen.

Seit einigen Jahren gibt es ein reges Interesse bei jungen Linken, von dieser Zeit mehr zu erfahren. Mehr zu erfahren von denen, die versucht haben, sich gegen die immer stärker werdenden Neonazistrukturen und deren tödliche Folgen zu wehren. Dies ist eine Motivation, unsere Erlebnisse, unser Wissen und unsere Gefühle weiterzugeben. Schmerzlich haben wir gemerkt wie diese Zeit uns geprägt hat. Für uns wird es Zeit, Verantwortung zu übernehmen und nicht nur sensationsgeilen Medien das Feld zu überlassen.

Seit 1990 sind ca. 150 Menschen aufgrund rassistischer oder antisemitischer Gewalt getötet worden. Neben diesen offensichtlichen Barbereien von (Neo)Nazis war aber auch die unerträgliche politische Situation ein Grund, uns zu wehren. Der aufkeimende Nationalismus der 90er Jahre und das „wir sind wieder wer“ Gehabe mit Reichskriegsflaggen auf öffentlichen Plätzen und in Stadien, zeigte die Stimmung der Bevölkerung. Die bürgerlichen Medien übernahmen Symboliken und Inhalte von rechtsaußen Parteien und in der Jugendzeitung Bravo gab es einen Reichskriegsflaggenaufkleber… Der Faschismus war in der Mitte der Gesellschaft angekommen und das hielten wir nicht aus. Wir mussten etwas tun.

Wir waren nicht vorbereitet auf diese Situation, aber es fanden sich auch Andere, die mitmachen und dem Unerträglichen eine Ende setzen wollten. Es waren sehr unterschiedliche Menschen, die wir kennengelernt haben, die Flüchtlingen geholfen haben, Nachtwachen in Flüchtlingsheimen übernommen haben oder einfach mal Zivilcourage gezeigt haben, weil sie es nicht mehr aushielten – Christen, Ausländerkids, aber auch der ein oder andere Spießbürger, der sich diesen nazistischen Wahnsinn nicht gefallen lassen wollte. Aber insbesondere auch die Flüchtlinge wehrten sich gegen die Angriffe. Dies waren die beindruckensten Momente in der antifaschistischen Selbsthilfe. Aus ihren Ländern vor politischer Verfolgung geflohen, wehrten sie sich massiv gegen den braunen Mob.

Diese Gesellschaft hat viel verdrängt und eine Aufarbeitung hat es nie gegeben. Die Brandstifter von damals sind zum Teil immer noch in rechten Organisationen aktiv. Die geistigen Brandstifter aus Politik und Wirtschaft sitzen in hohen Ämtern, werden geehrt und gefeiert, als hätte es das Alles niemals gegeben.

Remembering means fighting
Erinnern heißt, den Kampf fortzuführen.